Gesamtarbeitsvertrag (GAV) in der Schweiz: Was Sie wissen müssen

Autor: Tobias Egli / am

GAV Schweiz: Was ein Gesamtarbeitsvertrag regelt und was Arbeitnehmer wissen müssen.

1. Was ist ein Gesamtarbeitsvertrag?

Definition nach OR Art. 356

Ein Gesamtarbeitsvertrag ist ein kollektiver Vertrag zwischen einem oder mehreren Arbeitgeberverbänden auf der einen Seite und einer oder mehreren Gewerkschaften auf der anderen. Er legt gemeinsam Mindestbedingungen für den Abschluss, den Inhalt und die Beendigung der einzelnen Arbeitsverhältnisse fest.

Rechtsgrundlage bilden die Art. 356–358 des Obligationenrechts (OR). Damit unterscheidet sich der GAV klar vom Einzelarbeitsvertrag, den Sie persönlich mit Ihrer Arbeitgeberin oder Ihrem Arbeitgeber abschliessen.

Warum sind GAV wichtig?

Für Arbeitnehmende bietet ein GAV Rechtssicherheit und einen verbindlichen Mindestschutz: Der Arbeitgeber kann Lohn, Ferien oder Kündigungsfristen nicht einfach unter die GAV-Schwellen senken. Zudem enthalten viele GAV Leistungen, die das Gesetz nicht vorschreibt — etwa einen 13. Monatslohn oder eine Frühpensionierungsregelung.

Für Arbeitgebende schafft ein GAV faire Wettbewerbsbedingungen in der Branche: Kein Unternehmen kann sich durch Lohndumping einen Vorteil verschaffen.

Typischer Inhalt eines GAV

Bereich Mögliche GAV-Regelungen
Lohn Mindestlöhne nach Qualifikation, Lohnerhöhungen, Teuerungsausgleich
Zulagen Nacht-, Sonntags- und Feiertagszuschläge
Arbeitszeit Wochenstunden, Überzeitentschädigung, Ruhezeiten
Ferien Oft mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen 4 Wochen
13. Monatslohn In vielen GAV obligatorisch
Krankheit Lohnfortzahlung bei Krankheit (Dauer, Prozentsatz)
Kündigung Verlängerte Kündigungsfristen
Weiterbildung Anspruch auf bezahlte Weiterbildungstage
Vorruhestand Branchenfonds für Frühpensionierung (z.B. GAV FAR im Bau)

2. Typen von Gesamtarbeitsverträgen

In der Schweiz existieren verschiedene GAV-Typen, die sich nach geografischem Geltungsbereich und den beteiligten Parteien unterscheiden:

Typ Beschreibung Beispiele
Landes-GAV (national) Gilt für die gesamte Schweiz L-GAV Gastgewerbe, LMV Bauhauptgewerbe, GAV MEM
Regionaler GAV Gilt für eine bestimmte Region oder mehrere Kantone GAV Ausbaugewerbe Westschweiz (CCT-SOR)
Kantonaler GAV Gilt nur in einem einzelnen Kanton Diverse kantonale GAV im Gewerbe
Firmen-GAV Zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaft; gilt nur für diesen Betrieb GAV Coop, GAV Stadler Rail, GAV SBB

Hinweis: GAV ohne Allgemeinverbindlicherklärung

Nicht jeder GAV ist allgemeinverbindlich. Ohne AVE gilt ein GAV nur für Mitglieder der Unterzeichnerverbände — also für Arbeitgebende, die dem entsprechenden Arbeitgeberverband angehören, und Arbeitnehmende, die der betreffenden Gewerkschaft angeschlossen sind.


3. Allgemeinverbindlicherklärung (AVE)

Was bedeutet AVE?

Durch die Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) wird ein GAV auf alle Betriebe und Arbeitnehmenden einer Branche im definierten Geltungsbereich ausgedehnt — unabhängig davon, ob Arbeitgeber oder Arbeitnehmer Verbandsmitglieder sind. Rechtsgrundlage ist das Bundesgesetz über die Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen (AVEG, SR 221.215.311).

Ein Beispiel: Der L-GAV im Gastgewerbe ist allgemeinverbindlich erklärt. Das heisst, auch ein Restaurantbetreiber, der nicht Mitglied bei GastroSuisse ist, muss die Mindestlöhne und Arbeitsbedingungen des L-GAV einhalten.

Voraussetzungen für die AVE

Damit ein GAV für allgemeinverbindlich erklärt werden kann, müssen gemäss AVEG folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Der GAV muss von einer Mehrheit der Arbeitnehmenden in der betreffenden Branche erfasst sein.
  2. Die Erstreckung darf dem Allgemeininteresse nicht widersprechen.
  3. Sie darf keine anderen Branchen oder berechtigten Interessen unverhältnismässig beeinträchtigen.

Das AVE-Verfahren

  1. Die Vertragsparteien (Gewerkschaft + Arbeitgeberverband) stellen ein Gesuch.
  2. Das SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) prüft die Voraussetzungen auf Bundesebene.
  3. Der Bundesrat erlässt den Allgemeinverbindlichkeitsbeschluss und publiziert ihn im Bundesblatt.
  4. Auf kantonaler Ebene ist der jeweilige Staatsrat zuständig.

Die aktuell allgemeinverbindlich erklärten GAV sind in der offiziellen SECO-Liste aufgeführt.


4. Die wichtigsten allgemeinverbindlichen GAV der Schweiz

Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl der bedeutendsten AVE-GAV mit nationalem oder breitem regionalem Geltungsbereich:

GAV Geltungsbereich Gültig bis Arbeitnehmende (ca.)
LMV Bauhauptgewerbe Ganze Schweiz (Ausnahmen in GE, VD) 31.12.2025* ~80'000
GAV FAR Bauhauptgewerbe (Frühpensionierung) Ganze Schweiz (Ausnahme VS) 31.12.2034 ~80'000
L-GAV Gastgewerbe Ganze Schweiz 31.12.2025* ~230'000
GAV Reinigungsbranche Deutschschweiz ZH, BE, LU, SO, BS, BL, SH, AI, AR, SG, GR, AG, TG u.a. 31.12.2029 ~50'000
GAV Ausbaugewerbe Westschweiz (CCT-SOR) FR, JU, NE, VS, VD, GE 31.12.2028 ~30'000
GAV Elektrobranche Ganze Schweiz (Ausnahmen GE, VS) 31.12.2029 ~25'000
GAV Gebäudetechnik Ganze Schweiz (Ausnahmen GE, VD, VS) 30.12.2029 ~20'000
GAV Personalverleih Ganze Schweiz 31.12.2027 ~300'000
GAV Schreinergewerbe ZH, BE, LU, SO, BS, BL, SH, AI, AR, SG, GR, AG, TG, TI 31.12.2027 ~15'000
GAV Maler- und Gipsergewerbe ZH, BE, LU, SO, SH, SG, GR, AG, TG u.a. 31.03.2026 ~20'000
GAV Bäcker-, Konditoren- und Confiseurgewerbe Ganze Schweiz 31.12.2028 ~15'000
GAV Coiffeurgewerbe Ganze Schweiz 31.12.2027 ~10'000
GAV Sicherheitsdienstleistungen Ganze Schweiz 31.12.2026 ~15'000
GAV Reinigungsbranche Westschweiz VD, GE, FR, NE, VS, JU 31.12.2028 ~20'000

* Übergangsregelungen für Lohnfortzahlung sind für 2026/2027 bereits fixiert; Neuverhandlungen laufen.

Quelle: SECO, Allgemeinverbindlich erklärte Gesamtarbeitsverträge (Stand 2026)

Drei GAV im Fokus

Bau-GAV (LMV): Der Landesmantelvertrag (LMV) für das Bauhauptgewerbe regelt Mindestlöhne, Arbeitssicherheit, Frühpensionierung (über den separaten GAV FAR) und Ferien. Ab 2026 enthält er eine neue Baustellenzulage: CHF 4.— pro Arbeitstag (2026), CHF 6.50 (2027), CHF 9.— (2028). Mindestlöhne sind während der gesamten Laufzeit an den Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) gekoppelt.

L-GAV Gastgewerbe: Der Landes-Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes gilt für rund 230'000 Beschäftigte in Hotels, Restaurants und Cafés. Er sieht unter anderem 5 Wochen Ferien (statt gesetzlich 4) und einen 13. Monatslohn vor. Die Mindestlöhne 2026 betragen:

Qualifikationsstufe Mindestlohn/Monat (brutto)
Stufe Ia – ohne Berufsausbildung CHF 3'713
Stufe Ib – ohne Ausbildung + Progresso-Kurs CHF 3'943
Stufe II – EBA (2-jährige Grundbildung) CHF 4'070
Stufe IIIa – EFZ (3-/4-jährige Grundbildung) CHF 4'528
Stufe IIIb – EFZ + Weiterbildung CHF 4'635
Stufe IV – Berufsprüfung CHF 5'293
Praktikantinnen / Praktikanten CHF 2'390

Achtung: In Kantonen mit gesetzlichem Mindestlohn (Genf: CHF 24.59/h ≈ CHF 4'463/Monat; Neuenburg: CHF 21.43/h) gilt der jeweils höhere Wert — d.h. für ungelernte Mitarbeitende in Genf übersteigt der kantonale Mindestlohn die GAV-Untergrenze.

GAV MEM (Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie): Der GAV MEM, der am 1. Juli 2023 in Kraft trat und bis 30. Juni 2028 gilt, deckt über 500 Unternehmen und fast 100'000 Beschäftigte ab. Er ist kein allgemeinverbindlicher GAV, sondern gilt für Mitglieder des Arbeitgeberverbands Swissmem (ASM). Der Vertrag enthält Mindestlöhne, Regelungen zu Arbeitszeitflexibilität und Mitwirkungsrechte der Arbeitnehmenden im Betrieb.

Detailhandel: Im Schweizer Detailhandel gibt es keinen nationalen allgemeinverbindlichen GAV. Einzelne Grossverteiler haben Firmen-GAV abgeschlossen (z.B. Coop). Für bestimmte Branchen innerhalb des Detailhandels (Metzgerei, Bäckerei) gelten branchenspezifische AVE-GAV.


5. Wie finde ich heraus, ob ein GAV für mich gilt?

Ob Sie einem GAV unterstehen, lässt sich mit vier Methoden klären:

Methode 1: Arbeitgeber befragen

Gemäss OR Art. 330b ist Ihr Arbeitgeber verpflichtet, Sie bei der Anstellung schriftlich über eine allfällig anwendbare GAV zu informieren. Im Arbeitsvertrag sollte ein entsprechender Verweis enthalten sein — etwa: «Auf dieses Arbeitsverhältnis findet der L-GAV des Gastgewerbes Anwendung.»

Methode 2: service-cct.ch nutzen

Die Website service-cct.ch (betrieben von Unia) bietet Zugang zu rund 100 GAV mit den wichtigsten Eckdaten. Sie können nach Branche oder Stichwort suchen und direkt den GAV-Text herunterladen. Das Tool zeigt Ihnen Mindestlöhne, Ferienregelung, 13. Monatslohn und weitere Schlüssselbedingungen auf einen Blick.

Methode 3: SECO-Datenbank

Das SECO führt eine öffentlich zugängliche Liste aller allgemeinverbindlich erklärten GAV — mit Geltungsbereich und Laufzeit. Diese finden Sie unter seco.admin.ch → Arbeit → Gesamtarbeitsverträge → Allgemeinverbindlich erklärte GAV.

Methode 4: Gewerkschaft oder Arbeitsinspektorat

Unia (unia.ch), Syna, Kaufmännischer Verband und andere Gewerkschaften beraten Sie kostenlos zu Ihrer GAV-Situation. Die kantonalen Arbeitsinspektorate (z.B. das Amt für Wirtschaft und Arbeit in Zürich oder das AWA in Bern) erteilen ebenfalls Auskunft.

Wichtiger Hinweis: Massgebend ist in der Regel die Haupttätigkeit des Unternehmens — nicht die Tätigkeit des einzelnen Arbeitnehmers. Erbringt ein Unternehmen mehrheitlich Reinigungsleistungen, gilt der Reinigungs-GAV auch für die Büroangestellten dieses Betriebs.


6. GAV vs. Einzelarbeitsvertrag — das Güstigkeitsprinzip

Ein Gesamtarbeitsvertrag und ein individueller Arbeitsvertrag schliessen sich nicht aus — sie ergänzen sich. Das zentrale Prinzip dabei ist das Günstigkeitsprinzip:

> Ein Einzelarbeitsvertrag darf vom GAV zugunsten des Arbeitnehmers abweichen, aber niemals zu seinen Ungunsten.

Vergleichstabelle

Merkmal Gesamtarbeitsvertrag (GAV) Einzelarbeitsvertrag (EAV)
Vertragsparteien Gewerkschaft ↔ Arbeitgeberverband Arbeitnehmer ↔ Arbeitgeber
Geltungsbereich Alle betroffenen Arbeitnehmenden der Branche (bei AVE: alle, ohne AVE: Verbandsmitglieder) Nur die beiden Vertragsparteien
Charakter Zwingender Mindestrahmen Frei gestaltbar, innerhalb der GAV-Grenzen
Verhältnis Übergeordnet — setzt Mindestbedingungen Untergeordnet — muss GAV einhalten
Spielraum Keine Unterschreitung Verbesserungen möglich (mehr Ferien, höherer Lohn)
Beispiel Ferien GAV schreibt 5 Wochen vor EAV kann 6 Wochen festhalten (erlaubt), nicht 4 (verboten)
Rechtsgrundlage OR Art. 356–358 OR Art. 319–362

Praktisches Beispiel

Ein GAV legt einen Mindestlohn von CHF 4'500 pro Monat fest. Ihr Arbeitsvertrag sieht CHF 5'200 vor — das ist zulässig und gilt. Würde Ihr Vertrag CHF 3'900 vorsehen, wäre diese Klausel nichtig und der GAV-Mindestlohn von CHF 4'500 käme automatisch zur Anwendung.

Vergleichen Sie Ihren aktuellen Lohn mit dem Marktdurchschnitt — der Lohnrechner von lohncheck.ch liefert Ihnen einen individuellen Lohnvergleich basierend auf Branche, Ausbildung und Erfahrung.


7. Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Gilt ein GAV auch für mich, wenn ich nicht gewerkschaftlich organisiert bin?

Ja — sofern der GAV allgemeinverbindlich erklärt wurde (AVE). Dann gilt er für alle Arbeitnehmenden im Geltungsbereich, unabhängig von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft. Ohne AVE gilt der GAV nur für Mitglieder der Unterzeichnergewerkschaften.

Was passiert, wenn mein Arbeitgeber den GAV nicht einhält?

Allgemeinverbindliche GAV werden von paritätischen Kommissionen (Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften) sowie von kantonalen Arbeitsinspektoraten kontrolliert. Bei Verstössen drohen Sanktionen. Als Arbeitnehmer können Sie zu kurz bezahlten Lohn auch rückwirkend einfordern — die Verjährungsfrist beträgt in der Regel 5 Jahre.

Kann mein Arbeitgeber mich schlechter stellen als es der GAV vorsieht?

Nein. Jede Abweichung des Einzelarbeitsvertrags zum Nachteil des Arbeitnehmers ist nichtig (OR Art. 357). Stattdessen gilt automatisch die günstigere GAV-Regelung.

Wie erfahre ich, welcher GAV für meine Branche gilt, wenn ich die Stelle wechsle?

Bereits vor der Unterzeichnung des Arbeitsvertrags können Sie auf service-cct.ch nach dem relevanten GAV suchen oder die Gewerkschaft Ihrer Branche kontaktieren. Viele GAV-Texte sind auch direkt auf den Websites der Branchenverbände verfügbar (z.B. l-gav.ch für das Gastgewerbe, swissmem.ch für die MEM-Industrie).


8. Sonderfall: Normalarbeitsverträge (NAV)

Nicht zu verwechseln mit einem GAV ist der Normalarbeitsvertrag (NAV). Ein NAV wird nicht durch Verbände ausgehandelt, sondern vom Staat (Bund oder Kanton) erlassen. Er kommt in Branchen ohne GAV zum Einsatz — zum Beispiel in der Landwirtschaft, im Haushaltsbereich oder punktuell im Pflegesektor. Der NAV setzt ebenfalls Mindestlöhne und -bedingungen, aber auf staatlichem Weg.


Fazit

Ein Gesamtarbeitsvertrag ist für viele Schweizer Arbeitnehmende ein wichtiges Instrument zum Schutz der eigenen Arbeitsbedingungen. Er garantiert Mindestlöhne, geregelte Arbeitszeiten, faire Ferienansprüche und oft weitgehende Sozialleistungen — Bedingungen, die der Einzelarbeitsvertrag allein nicht immer sicherstellt.

Die wichtigsten Punkte zusammengefasst:

  • Ein GAV wird zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt und legt Mindeststandards nach OR Art. 356–358 fest.
  • Allgemeinverbindlich erklärte GAV (AVE) gelten für alle Arbeitnehmenden einer Branche — unabhängig von der Gewerkschaftsmitgliedschaft.
  • Das Günstigkeitsprinzip schützt Sie: Der Einzelarbeitsvertrag kann besser als der GAV sein, aber niemals schlechter.
  • Ob Sie einem GAV unterstehen, erfahren Sie über Ihren Arbeitgeber, service-cct.ch, die SECO-Liste oder Ihre Gewerkschaft.

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Quellen

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